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  • wunderkammer (Berlin 2016)

    Zwei Exponate, zwei Aktionen, zwei Beispiele zugleich an zwei verschiedenen Plätzen – die Performance-Künstlerin Mia Florentine Weiss zeigt auf ihre Weise, wie sie sich mit ihrem Leitthema der Suche nach Schutzräumen für das Leben beschäftigt. Das eine Beispiel ist eine Wunderkammer, die die Galerie Friedmann-Hahn ab dem 18. Juni 2016 in einem ihrer Räume präsentiert, das andere Pegasus, das geflügelte Pferd aus der mythologischen Urgeschichte. Das geflügelte Pferd wird anlässlich des Human Rights Watch Global Council Summits vom 18. - 20. Juni 2016 in der Eingangshalle des ehemaligen Staatsratsgebäudes unweit der Berliner Museumsinsel ausgestellt- organisiert von Kimberly Marteau Emerson, CPD Advisory Board Member, International Board, Human Rights Watch, US-Embassy Berlin.

    Während die Pegasus-Skulptur, die Dermoplastik eines weißen Pferdes mit Leucht-Flügeln, zuletzt über eine halbes Jahr in der Empfangsempore des Frankfurter Senckenberg Museums hing, scheint sie nun in der Eingangshalle des ehemaligen Staatsratsgebäudes einem Sockel erst zu entsteigen, als ob Pegasus seine Botschaft der Weisheit und Hoffnung noch immer nicht an die Menschen bringen konnte, sondern es erst mit einem erneuten Versuch unternehmen muss.

    Der Pegasus von Mia Florentine Weiss war nach seiner Entstehung, noch bevor er im Senckenberg Museum landete, zunächst im April und Mai 2015 als „Moving Installation“ an den Rändern Europas zu Wasser und zu Land unterwegs und dabei einer authentischen Flüchtlingsroute gefolgt, die Mia Florentine Weiss mit der Organisation Pro Asyl bereits im Jahr 2014 recherchiert hatte. In den Flügeln hat die Künstlerin lauter Objets Trouves eingearbeitet, die sie auf ihren Reisen gefunden hatte oder die ihr zugesteckt wurden. Ein Flügel symbolisiert Hoffnung (Frieden), sein Gegenstück den Abgrund unserer Welt (Krieg).
    Die Wunderkammer in der Galerie ist als ein eigener Raum im Raum gearbeitet.

    Wunderkammern sind der Vorgänger des Museums der Neuzeit. Sie entstanden, als sich die Welt zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert klar wurde, dass sie rund und nicht flach ist und als die abenteuerlichen Eroberer neuer Kontinente zahllose Gegenstände von ihren Reisen aus Asien und vor allem Nord- und Südamerika nach Mitteleuropa brachten, die den damaligen Zeitgenossen wundersam erschienen und die – wie Objets trouvés - gesammelt und schließlich in Kuriositätenkabinetten präsentiert wurden.

    „Mias Wunderkammer ist ein gelungenes Experiment, das wir so in unserer Galerie noch nicht verwirklicht haben“, sagt Galerie-Inhaber Alexander Friedmann-Hahn. „Entstanden ist eine Rauminstallation, die beim Betrachter bewusst ein Gefühl der Beklemmung auslöst, des Ausgeliefertseins an einen Zustand der Dunkelheit und Enge“. Auch die Wunderkammer steht für die in vielen Performances der letzten Jahre aufgeworfenen Fragestellung der Künstlerin nach Schutzräumen in individuellen und globalen Kontexten. Was ist ein Schutzraum im Alltag, in Krisensituationen, bei Lebensgefahr, im Glückszustand? Mia-Florentine Weiss geht bis zum Urzustand eines Menschen noch vor seiner Geburt zurück und thematisierte dabei physisch und auch mythologisch die Urheimat des Menschen als ungeborenes Kind, das sich noch mit dem Nabel verbunden im Uterus und damit in einer Art Paradies befindet, das getrennt von der Welt ist und zugleich geschützt vor ihr.

    „Unser Gefühl ist heute immer mehr, dass uns die Götter aus ihrem Paradies vertrieben und uns dafür nur sehr unvollständige und labile Ersatzräume gegeben haben“, sagt Mia Florentine Weiss. „In einer Welt, wo immer mehr Menschen auf der Flucht sind, weil ihre einfachsten Menschenrechte nicht beachtet werden, stellt sich die Frage nach Schutzräumen umso intensiver.“ Auch der Pegasus, ein Fingerzeig der Götter, kann seine Lieferung von Weisheit und Hoffnung nur unzureichend überbringen.

    Galerie Friedmann-Hahn
    Wielandstr. 14
    10629 Berlin

    Tel: +49 30 - 31 99 77 17
    Fax: +49 30 - 68 83 58 58

    https://www.galeriefriedmann-hahn.com/de/artists/mia_florentine_weiss/works